Kraftsuppe nach TCM mit Huhn, Karotten, Lauch, Petersilie und schwarzem Sesam

Das Geheimnis der Kraftsuppe

An der sogenannten Kraftsuppe lässt sich erstaunlich viel über uralte Ernährungsprinzipien lernen und mindestens ebenso viel über die blinden Flecken moderner Ernährungsideale. Schon die erste Zumutung ist revolutionär genug. Diese Suppe kocht nicht zehn Minuten, nicht dreißig, sondern vier Stunden. Mindestens. In einer Welt, in der gesund oft mit „schnell“, „frisch“ und „roh“ gleichgesetzt wird, ist das bereits ein kleiner Affront.
Denn in unserer Kultur gilt ein Lebensmittel dann als besonders wertvoll, wenn es möglichst viele Vitamine enthält. Diese Vitamine nehmen bei langen Kochzeiten messbar ab, so belegt es das Labor. Die logische Konsequenz ist bekannt: viel rohes Obst und Gemüse, Smoothies in allen Farben, Tiefkühlware mit dem Versprechen maximaler Frische. In seiner radikalsten Form mündet dieses Denken in der Rohkostbewegung, die sich durchaus selbstbewusst auch historisch legitimiert. Schließlich hätten unsere evolutionären Vorfahren überwiegend roh gegessen. Und wenn der Affe unser direkter Vorfahr ist und Rohkost isst, dann müssten wir dafür doch geradezu ideal gebaut sein. Oder?
Die Ärzte der alten Heiltraditionen wie der TCM und des Ayurveda konnten noch keine Vitamine in Lebensmitteln messen und machten deshalb etwas anderes. Sie beobachteten und stellten eine einfache, zugleich grundlegende Frage: Was passiert mit einem Menschen, wenn er in einer bestimmten Umgebung, in einem bestimmten Zustand, dies oder jenes isst? Sie orientierten sich dabei weniger am Affen als am Homo sapiens, denn dessen Stoffwechsel und Reaktionsweise unterscheiden sich deutlich von denen anderer Primaten. <br>Sie beobachteten, dass eine Karotte offenbar auch nach einem vierstündigen Kochvorgang dem Menschen noch sehr zuträglich ist – und ganz besonders dann, wenn dieser Mensch geschwächt ist. Ja, dass sie sogar umso besser aufgenommen werden kann und umso mehr Energie liefert, je länger diese Karotte im Wasser köchelte. Die Vitamine der Karotte scheinen den Kochvorgang zu überstehen, und die Energie, die das Feuer in die Suppe gegeben hat, scheint in einer Art alchemistischem Wunder auf den Menschen überzugehen. Die alles entscheidenden Fragen lauten daher vielmehr: Wie viel Vitamin kommt wann an, und was macht ein Lebensmittel eigentlich bekömmlich? Dabei zeigt sich, dass ein Kochvorgang eine sehr wertvolle Form des Vorverdauens ist. Gekochte Speisen sind also wesentlich bekömmlicher als ungekochte. Das gilt ganz besonders für Menschen mit einem schwachen Verdauungsapparat und einer Neigung zu Blähungen. Aus ayurvedischer Sicht und auch aus Sicht der TCM ist Rohkost nämlich für unser Verdauungsfeuer Agni beziehungsweise unseren Milz-Magen-Funktionskreis eine echte Herausforderung – und nach langen Diätjahren mit Salat zum Mittagessen oft nicht mehr zu bewältigen. Und dann ist da noch der Umstand, dass Lebensmittel in Kombination häufig eine ganz eigene Wirkung und einen besonderen Geschmack entfalten, nachdem sie so lange miteinander tanzen durften.
Ein wichtiges Merkmal vieler Kraftsuppen ist der Dreiklang aus Huhn, Karotten und Petersilie. Durch irgendeinen – noch nicht bis ins Detail erforschten Zauber – entfaltet er nämlich eine enorme gesundheitsfördernde Kraft. Diese Kombination findet sich aus genau diesem Grund in vielen Teilen der Welt als Gesundheitselixier bei Infekten und gilt unter Kennern als eine Art natürliches Penizillin. Die Suppe sollte allerdings nicht auf dem Höhepunkt eines Infektes gegessen werden, sondern in der Phase der Regeneration. In der akuten Phase eines Infekts konzentriert sich der Körper primär auf Abwehr und Regulation, nicht auf Aufbau. Eine lange gekochte, nährende Suppe gehört deshalb in die Phase danach, wenn Energie wieder nach innen fließen darf und Regeneration möglich wird. 
Ganz besonders hilfreich ist sie nach einer Geburt, die natürlich keine Krankheit ist und dennoch einen tiefen regenerativen Prozess nach sich zieht. In diesem Zusammenhang habe ich auch schon den Begriff „Wehensuppe“ vernommen, den ich persönlich befremdlich finde. Unter anderem deshalb, weil man heute – in Zeiten des NLP, also der Vorstellung, man könne durch eine freundliche Umbenennung gleich ganze Erfahrungen entschärfen – eigentlich von „Wellen“ statt von „Wehen“ sprechen soll, was dem Geschehen vermutlich sogar gerechter wird. Sprache mag beruhigen, der Körper jedoch folgt weiterhin seinen eigenen Gesetzen. Und diese Gesetze scheinen weltweit erstaunlich ähnlich zu sein.
Folgerichtig finden sich Gerichte mit einem außergewöhnlich langen Garprozess in nahezu allen Teilen dieser Welt. Bei den Mapuche in Chile etwa werden Gemüse, Fleisch und Kräuter in einem Erdloch versenkt und dürfen dort über viele Stunden hinweg miteinander köcheln, bis mehr entsteht als die Summe ihrer Teile. In Marokko ist es die Tajine, in der Zutaten langsam und unter geschlossenem Deckel zu einer dichten, nährenden Einheit finden. In der jüdisch-aschkenasischen Kultur ist es der Tscholent, in dem Bohnen, Getreide und Fleisch eine ganze Nacht im Ofen zusammen schmoren. Und gerade im portugiesischen Cozido, in dem auch Schweinefüße über lange Zeit hinweg ihre Kraft an Brühe und Gemüse abgeben, zeigt sich ein Aspekt, der heute nur ungern ausgesprochen wird: warum Fleisch in einer Kraftsuppe eine so besondere Rolle spielt und warum es dafür keinen wirklich gleichwertigen pflanzlichen Ersatz gibt. So sehr ich mir selbst aus moralischen Gründen ein vollständig veganes Leben wünschen würde, lässt sich eines kaum wegdiskutieren. Fleisch besitzt eine außergewöhnlich hohe Energiedichte. Genau deshalb ist seine industrielle Produktion energetisch so problematisch – und genau deshalb liefert es dem menschlichen Körper auch so viel Kraft. Es ist, nüchtern betrachtet, die Energie eines ganzen Lebens, und je naturnäher dieses Leben war, desto spürbarer scheint diese Kraft zu sein.
Unsere Kultur tut sich schwer damit, diesen Zusammenhang zu Ende zu denken. Wir sprechen lieber über Vitamine, Eiweißwerte oder Ersatzprodukte, als anzuerkennen, dass hier ein grundlegendes biologisches Prinzip wirksam ist: die direkte Weitergabe von Lebensenergie und Substanz. Fleisch bündelt nicht nur Nährstoffe, sondern gespeicherte Kraft – gewachsen über Zeit, Bewegung, Stoffwechsel, Beziehung zur Umwelt. Genau das kann es für den menschlichen Körper in Phasen von Schwäche, Regeneration oder Neubeginn so wirksam machen, wenn es naturnah und glücklich entstehen durfte.
Mit einigen sehr potenten Pflanzen lässt sich diese Wirkung der Suppe ein Stück weit verstärken oder ergänzen – etwa mit Süßholz, Roter Bete, Knoblauch oder Ingwer –, doch vollständig ersetzen lässt sie sich kaum. Ich selbst hadere damit immer wieder und greife deshalb nur in seltenen Fällen zu Fleisch, dann allerdings bewusst: von Tieren, von denen ich weiß, dass sie ein gutes Leben hatten, möglichst bis zum Moment der Schlachtung. Denn auch dieser Moment spielt eine große Rolle – besonders in einer Suppe, die nähren, tragen und wieder aufbauen soll.
Auch wenn es einige Rohköstler desillusionieren könnte. Meine Vermutung ist, dass das Geheimnis der Suppe den Menschen erst zum Menschen gemacht hat. Vielleicht unterscheidet uns nicht das Denken vom Affen, sondern das Kochen? Schließlich zähmten wir das Feuer nicht aus Langeweile. Gekocht konnten wir plötzlich Dinge verwerten, die roh kaum genießbar waren, etwa harte Wurzeln und Knollen. Fleisch wurde bekömmlicher, energiereicher und schneller verfügbar. Der Kochvorgang übernahm einen Teil der Verdauungsarbeit und verkürzte die Zeit, die wir mit Kauen und Verdauen verbringen mussten. Am Ende blieb mehr Zeit für anderes – zum Beispiel dafür, Werkzeuge zu bauen.
Das gemeinsame Sitzen um die Feuerstelle, um Nahrung zuzubereiten, dürfte außerdem unseren Umgang mit Sprache entscheidend geprägt haben. Man tat etwas gemeinsam, wartete, rührte, und begann dabei, sich Geschichten zu erzählen. Archäologische Funde sprechen dafür, dass dies keine romantische Fantasie ist. In der Shanidar-Höhle im Nordirak entdeckte man eine Feuerstelle der Neandertaler mit Kochutensilien und Nahrungsresten. Analysen zeigen, dass dort bereits mit Samen, Kräutern und Gewürzen richtige Gerichte zubereitet wurden – offenbar in einem Topf aus Tierhaut. Und jetzt ratet mal, was am liebsten gekocht wurde? Richtig. Eine Suppe.
Wohl bekomm’s!

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